Freitag, 30. September 2011

Geheimbesuch

Irgendwann besiegte Neugierde die Angst.
Ich wollte sein Zuhause sehen, in einem Ort, wo uns jeder kennt. Wo "Auswärtige" sofort auffallen.
Es war ein schmaler Grat, auf dem ich mich da bewegte.
Ich wagte es.
Das Treppenlicht blieb aus als ich die Stufen zu ihm hochschlich. Wie auf Kommando öffnete er zur rechten Zeit die Wohnungstür. Erst als die Tür ins Schloss fiel, fühlte ich mich sicher.

Es war schön, sein Leben kennenzulernen. Das war, was mir all die Monate fehlte. Ich kannte ihn, aber das Bild war nicht vollständig. Ich glaubte, wenn ich alles von ihm kenne, kenne ich ihn besser.
Diese Aktionen wiederholten sich. Zusammensein in einer richtigen Wohnung, es war wie ein Qualitätssprung.
Wenn ich ging, stand er meistens mit traurigem Blick an der Tür. Einmal flüsterte er mir beim Abschied:
"Mein größter Wunsch ist es, mit dir zusammen morgens aufzuwachen."

 Zwei Dedektive, die Hüte tief im Gesicht........wir hatten ein neues Ziel.

Freitag, 29. Juli 2011

Ende Mai....

...dann eine überraschende Nachricht.
"Ich ziehe bei ihr aus. Eine Wohnung hab ich schon gefunden. Im nächsten Monat werde ich dort schon wohnen."

Ich freute mich für ihn. Endlich war er konsequent.  
Dass es vielleicht eine sehr schwere Zeit für ihn sein könnte, kam mir garnicht in den Sinn.
Er redete auch nicht darüber.

Wie der Auszug bei ihr ablief und was der wirkliche Trennungsgrund war, das weiß ich bis heute noch nicht.
Und werde es auch nie erfahren.

Er war frei.
Mein Leben lief weiter wie bisher.
Mit Ausreden, Lügen und viel Streit.

Montag, 11. April 2011

Ein neuer Ort

Wir verabredeten uns zum ersten Mal in der neuen Wohnung. In keinem der Räume gab es Licht aber wenigstens funktionierte die Heizung. Ich zeigte ihm die Wohnung und erzählte ihm voller Vorfreude, wie ich was renoviere. Er teilte meine Begeisterung, sein Blick sagte mir: "Schade dass du mit einem anderen Mann hier einziehst!"
Und ohne Vorwarnung zog er plötzlich zwei Piccolos aus der Jacke und servierte das ganze stilvoll mit einem Geschirrtuch über dem Arm.
Wir lagen auf dem Teppichboden, dessen Tage gezählt waren. Für einen Moment waren wir glücklich. Lachten, tranken unseren Piccolo und fielen über uns her. Nur im Licht der vorbeifahrenden Autos nahmen wir uns wahr.
Bis mein Handy klingelte und mich der Alltag wieder einholte.
Mein Mann meldete sich höflichst zum Training ab und äußerte seine Wünsche fürs spätere Abendbrot.

Der große Traum von der neuen Wohnung und dem neuen Glück wurde ein bischen farbloser.
Von jetzt auf gleich.

Samstag, 5. Februar 2011

Wir sahen uns wieder

Ich weiß nicht  ob es ihm auffiel, dass ich gelitten hatte.
Er wußte von den Ereignissen, die ich erlebt hatte.
Und er ging behutsam vor.

Ich habe es nicht eine eine Minute lang bereut, dass ich ihn schon Ende Februar wieder sah.
Wir trafen uns wieder in meinem Garten.
Und ich weiß nicht, wie er es gemacht hat. Aber ich war verzaubert von seiner verständnisvollen Art.
Ohne zu schleimen, ohne schön zu reden, er war einfach da und redete so, dass es mir gut tat. Nicht zu viel und nicht zu wenig.

Es kam wie es kommen musste. Wir hatten Sex.
Und zu diesem Zeitpunkt...für mich...ohne Reue.
Es war einfach unendlich schön.
So etwas hatte ich lange nicht mehr erlebt.

Nach dem Treffen betrat ich meine Wohnung und dachte: F*ck, was tust du hier grad, was setzt du hier auf´s Spiel?
Mir war schon klar, dass das ganze kein Spiel mehr war.

Freitag, 17. Dezember 2010

Abschiede und Träume

Ich wollte den Abschied, einen richtigen Abschied. Es war mir sehr wichtig.
Sie lag aufgebahrt vor uns, als schliefe sie.

Und ich dachte: Mum, du willst uns allen weismachen, dass es dir gut geht und du friedlich schläfst.

Ich konnte meinen Blick nicht von ihr wenden. Nur wenn die Tränen den Blick verschwommen machten, senkte ich die Lider.
Mein Verstand sagte mir: Da liegt deine Mutter, natürlich anzusehen, friedlich schlafend.
Mein Gefühl war ein anderes. Es war die Hülle meiner Mutter, die Seele schaute längst von oben auf mich herab.
Ich konnte ihr nichts mehr vormachen...so wie früher.
 
In Gedanken sprach ich zu ihr: Sorry Mum, dass ich in den letzten Wochen nicht ehrlich zu dir war. Wenn ich dir immer heile Welt vorgespielt habe. Wollte nicht, dass du dir Sorgen machst. Jetzt siehst du das ganze Dilemma von da oben. Aber ich weiß, dass du mir vertraust. Und ich weiß, dass irgendwann alles gut wird.

Am 08.02.2005 stand ich an ihrem Grab und nahm zum letzten Mal Abschied mit den Gedanken: Mami, ich versuch, dich nicht zu enttäuschen. Ich werde kämpfen. Beschütz mich bitte.

Ich träume nachts sehr oft von ihr. Es sind schöne Träume.

Immer.

Sonntag, 24. Oktober 2010

Januar

Ich empfand diesen Monat als unsagbar kalt. Schnnee, Sturm und Nässe. Viel schlimmer war die Kälte zu Hause. Das Kind immer noch auf Abwegen. Ich hatte zwischenzeitlich den Dealer angezeigt....das brachte mir einen Termin bei der Staatsanwaltschaft. Noch mehr Probleme. Ich wurde unter Druck gesetzt und erkannte, dass ich meinem Sohn so nicht helfen kann. Weil er es nicht wollte.
Ich igelte mich vollends ein.
Ein altes Möbelstück wurde unter meinen Händen schöner und schöner.....und die Vorfreude auf die neue Wohnung wuchs.
Es war die letzte Hoffnung für mich. Ich hatte die Vision: neue Wohnung...neues Glück. Es war mein Wunsch umzuziehen, dem mein Mann damals nur zugestimmt hat. Verstanden hat er mich sicher nicht....er war vielleicht schon zu weit weg.
Am 30. Januar wurde meine Mutti ins Krankenhaus gebracht. Es stand schlimm um sie. Ich war jeden abend bei ihr.
Auch am 01.02. Sie war im Fieberwahn. Sah mich mit ihren dunkelbraunen, weit aufgerissenen Augen an....und blickte durch mich hindurch. Ein schlimmes Gefühl, und wenn ich gewußt hätte, dass dies der letzte Blick war, wäre ich geblieben. Aber ich habe nichts geahnt....dachte Ruhe wäre jetzt besser für sie.
Diesen Fehler sollte ich nur einmal in meinem Leben begehen.

Um 0.15 Uhr kam der Anruf. Ich saß mit dem Telefon am Ohr mitten im Wohnzimmer auf dem Fußboden...und weinte um meine Mum.

Montag, 11. Oktober 2010

Silvester

Wir waren bei meinen damaligen Schwiegereltern, verbrachten den Nachmittag in Familie, natürlich ohne Sohn. Er zog es vor, in diesen Tagen selten oder mitten in der Nacht nach Hause zu kommen. Am Tag unereichbar zu sein.
Wir hatten eine Party geplant, kleine Runde. B und I und ein befreundetes Pärchen.
Es war von Anfang an locker. Wir wohnten zu dieser Zeit in einem ehrenwertem Haus, wo man eigentlich nach 20.00 Uhr keine knarrende Schranktür mehr öffnet. Aber an diesem Tag war uns alles egal. Wir hatten den Mietvertrag bereits gekündigt, eine neue Wohnung in Aussicht. Da waren die Beschwerden "bestimmter Nachbarn über 70" egal. Total egal. Eine lustige Runde, tolle Musik, die Zeit rannte. Irgendwann stand ich in meinem Wohnzimmer auf einem 9,99€-teuren Ikea-Tisch und tanzte. Danach tanzte B drauf, mein Ex und alle anderen....natürlich nacheinander.
Die Sorgen waren vergessen....verdrängt....ausgeblendet. Ein paar Stunden Spaß...es tat so gut.

Um 0.15 Uhr stand ich vor dem Haus um das Feuerwerk zu sehen. Das Handy blinkte. Ich hoffte so sehr auf ein Zeichen vom Kind.
Es war eine Sms von ihm. Ich hatte Tränen in den Augen und musste Haltung bewahren......für meine Gäste.

Stunden später ließen wir den tollen Abend in einer Diskothek ausklingen.
Ich tanzte und tanzte und tanzte. Ohne aufzuhören, ohne an meine Gäste oder an meinen Mann zu denken.
Ich stand in der Menschenmenge und tanzte.
Es war ein Versuch meine Antwort-sms zu vergessen.
Ich war nicht sicher, ob sie richtig war.
"Dir auch ein Frohes Neues. Will dich wiedersehn."